Gesundheitsversorgung im Kreis Euskirchen: Vorsorge statt Nachsorge
Auf Antrag der CDU- und SPD-Kreistagsfraktionen hat sich der Ausschuss für Gesundheit und Bevölkerungsschutz intensiv mit der aktuellen ambulanten medizinischen Versorgung im Kreis Euskirchen beschäftigt. Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO) stellten die aktuellen Versorgungsdaten vor und gaben einen umfassenden Einblick in die Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten der kommenden Jahre.
Die zentrale Botschaft des Vortrags: Die medizinische Versorgung im Kreis Euskirchen ist derzeit insgesamt verhältnismäßig gut aufgestellt. Gleichzeitig zeigen die Zahlen aber auch deutlich, dass die Sicherstellung einer wohnortnahen Versorgung kein Selbstläufer ist und frühzeitig gehandelt werden muss.
Hausärztliche Versorgung derzeit stabil
Der Kreis Euskirchen wird im Rahmen der Bedarfsplanung in die drei hausärztlichen Mittelbereiche Euskirchen, Mechernich und Schleiden eingeteilt. Insgesamt sind aktuell rund 125 Hausärztinnen und Hausärzte tätig. Der Versorgungsgrad liegt kreisweit bei 103,3 Prozent und damit leicht über dem rechnerischen Sollwert.
Während die Mittelbereiche Mechernich und Schleiden derzeit sogar überdurchschnittliche Versorgungswerte erreichen, liegt der Mittelbereich Euskirchen bei 91,5 Prozent. Insgesamt bestehen nach den aktuellen Berechnungen noch über 15 Niederlassungsmöglichkeiten für Hausärzte im Kreisgebiet.
Die vorgestellten Versorgungsgrade dürfen allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Bürgerinnen und Bürger die Versorgungssituation anders wahrnehmen. Gerade bei Facharztterminen berichten zahlreiche Menschen von langen Wartezeiten oder Schwierigkeiten, überhaupt einen Termin zu erhalten.
Die Kassenärztliche Vereinigung machte deutlich, dass die Bedarfsplanung auf festgelegten Planungsräumen basiert. Ein rechnerisch ausreichender Versorgungsgrad bedeutet daher nicht automatisch, dass in jeder Kommune oder jedem Ortsteil eine wohnortnahe Versorgung vorhanden ist. Insbesondere in einem Flächenkreis wie Euskirchen können größere Entfernungen und unterschiedliche regionale Verteilungen dazu führen, dass die Versorgung vor Ort sehr unterschiedlich wahrgenommen wird.
Der Generationenwechsel wird zur größten Herausforderung
Besonders intensiv diskutiert wurde die Altersstruktur der Ärzteschaft. Das Durchschnittsalter der Hausärztinnen und Hausärzte im Kreis Euskirchen liegt aktuell bei 53,8 Jahren. Im Mittelbereich Schleiden beträgt es sogar mehr als 56 Jahre.
Rund ein Drittel der Hausärzte gehört bereits zur Altersgruppe über 60 Jahre. Gleichzeitig rücken deutlich weniger junge Mediziner nach als früher. In den kommenden Jahren werden daher zahlreiche Praxen altersbedingt Nachfolger benötigen.
Dabei verändern sich auch die Erwartungen junger Ärztinnen und Ärzte. Die klassische Einzelpraxis mit hoher Arbeitsbelastung verliert zunehmend an Attraktivität. Gefragt sind heute flexible Arbeitsmodelle, Kooperationen, moderne Praxisstrukturen und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Auch die fachärztliche Versorgung im Blick behalten
Neben den Hausärzten wurde auch die Situation bei den Fachärzten betrachtet. In vielen Bereichen liegt der Versorgungsgrad im Kreis Euskirchen aktuell auf einem guten Niveau. So bestehen beispielsweise bei Frauenärzten, Augenärzten, HNO-Ärzten, Urologen oder Psychotherapeuten teilweise sogar Versorgungsgrade deutlich über 100 Prozent.
Gleichzeitig zeigen die Daten aber auch Unterschiede zwischen den einzelnen Fachrichtungen. Besonders wichtig bleibt deshalb eine kontinuierliche Beobachtung der Entwicklung, um mögliche Versorgungslücken frühzeitig erkennen zu können.
Hinzu kommt eine Besonderheit der Bedarfsplanung: Während Hausärzte in kleineren Planungsbereichen betrachtet werden, erfolgt die Planung vieler Facharztgruppen auf Ebene des gesamten Kreises. Wird ein Facharztsitz neu besetzt oder geschaffen, kann sich die Praxis grundsätzlich an jedem Standort innerhalb des jeweiligen Planungsbereichs ansiedeln.
Gerade für ländlich geprägte Regionen wie den Kreis Euskirchen führt dies immer wieder zu Herausforderungen. Denn auch wenn ein Facharztsitz rechnerisch für den gesamten Kreis zur Verfügung steht, bedeutet dies nicht automatisch eine gleichmäßige räumliche Verteilung. Auf diese gesetzlichen Rahmenbedingungen haben Kreis und Kommunen allerdings nur sehr begrenzten Einfluss.
Standortfaktoren werden immer wichtiger
Ein besonders interessanter Aspekt des Vortrags war die Frage, warum sich junge Ärztinnen und Ärzte für einen Standort entscheiden.
Nach Einschätzung der KV Nordrhein spielen dabei längst nicht mehr nur wirtschaftliche Faktoren eine Rolle. Vielmehr sind gute Kinderbetreuungsangebote, bezahlbarer Wohnraum, Freizeit- und Kulturangebote, eine leistungsfähige Infrastruktur sowie berufliche Perspektiven für Partnerinnen und Partner entscheidende Kriterien.
Damit wird deutlich, dass die Sicherung der medizinischen Versorgung nicht allein Aufgabe der Ärzteschaft oder der Kassenärztlichen Vereinigung ist. Auch Kommunen und Kreis können durch attraktive Lebensbedingungen einen wichtigen Beitrag leisten.
Umfangreiche Förderprogramme für neue Praxen
Um Niederlassungen insbesondere in ländlichen Regionen zu unterstützen, hat die KV Nordrhein in den vergangenen Jahren zahlreiche Förderinstrumente aufgebaut.
Bereits während des Medizinstudiums werden angehende Hausärzte durch Stipendien und Förderprogramme unterstützt. Für Weiterbildungsassistenten stehen monatliche Förderungen von bis zu 5.800 Euro zur Verfügung. Darüber hinaus können Ärztinnen und Ärzte bei Praxisgründungen Investitionskostenzuschüsse von bis zu 70.000 Euro sowie Anschubfinanzierungen von bis zu 50.000 Euro erhalten.
Über den sogenannten Strukturfonds wurden seit 2018 bereits mehr als 840.000 Euro für Niederlassungen in der Region bereitgestellt. Aktuell gehören unter anderem Bad Münstereifel, Dahlem, Euskirchen, Weilerswist und Zülpich zu den hausärztlichen Fördergebieten.
Zusätzlich startet die KV Nordrhein in diesem Jahr eine landesweite Regionalkampagne zur Gewinnung von Nachwuchsmedizinern. Ziel ist es, junge Ärztinnen und Ärzte frühzeitig für die Tätigkeit in eigener Praxis zu begeistern und die ambulante Versorgung langfristig zu sichern.
CDU: Vorsorge statt Nachsorge
Für die CDU-Kreistagsfraktion bestätigt der Bericht der KV Nordrhein den richtigen Ansatz des gemeinsamen Antrags von CDU und SPD.
Karsten Stickeler, unser Sprecher im Ausschuss dazu:
„Die Zahlen zeigen, dass wir derzeit noch verhältnismäßig gut aufgestellt sind. Gleichzeitig dürfen wir die Herausforderungen der kommenden Jahre nicht unterschätzen. Gerade die Altersstruktur der Ärzteschaft macht deutlich, dass wir heute die Voraussetzungen schaffen müssen, damit auch morgen noch ausreichend Haus- und Fachärzte im Kreis Euskirchen tätig sind. Gesundheitsversorgung bedeutet für uns Vorsorge statt Nachsorge.
Die statistischen Versorgungsgrade sind wichtig, sie spiegeln aber nicht immer die tatsächliche Situation wider, die viele Menschen erleben. Wenn Bürgerinnen und Bürger monatelang auf einen Facharzttermin warten oder weite Wege in Kauf nehmen müssen, dann hilft ihnen eine gute Statistik allein nicht weiter. Deshalb müssen wir die Zahlen immer gemeinsam mit den tatsächlichen Erfahrungen der Menschen betrachten.
Der Vortrag hat außerdem gezeigt, dass die Attraktivität eines Standortes weit über die eigentliche Praxis hinausgeht. Familienfreundlichkeit, Wohnraum, Infrastruktur und Lebensqualität sind inzwischen wichtige Faktoren bei der Entscheidung für eine Niederlassung. Deshalb müssen Kreis, Städte und Gemeinden gemeinsam daran arbeiten, den Kreis Euskirchen auch künftig als attraktiven Lebens- und Arbeitsort zu positionieren.“
Die CDU-Kreistagsfraktion bedankt sich ausdrücklich bei den Vertretern der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein für den ausführlichen und sehr transparenten Vortrag. Die Präsentation hat deutlich gemacht, wie komplex die Bedarfsplanung im Gesundheitswesen ist und an welchen Stellen bereits heute gehandelt werden muss, um die medizinische Versorgung auch langfristig sicherzustellen.
Unsere Fraktion wird die weitere Entwicklung aufmerksam begleiten. Eine wohnortnahe medizinische Versorgung bleibt gerade für einen Flächenkreis wie Euskirchen ein zentrales Zukunftsthema und ein wesentlicher Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge.
KS